Der Tierzirkus im Visier der Verbotskultur
überwiegend ältere Fotos (bis 2019)
„Mit dem Pferd begann [...] die Geschichte des Zirkus“, stellen Ernst Günther und Dietmar Winkler in ihrem Standardwerk zur Zirkusgeschichte fest. In der Tat ging
der neuzeitliche Zirkus 1768 aus der Vorführung von Dressur- und Reitkunststücken hervor. Im 19. Jahrhundert kamen Menagerien mit Raubtieren und anderen Arten hinzu. Tiere, zuvorderst Pferde, sind neben Akrobaten und Clowns ein Wesensmerkmal des Zirkus und aus einem klassischen Zirkusprogramm nicht wegzudenken. Für die
Pferdedressur wurde die Manege in ihrer Rundform und mit Sägemehlbelag erst erfunden!
Bild: Durch die Bewegung verwackelt, aber gerade dadurch im Temperament erkennbar: traditionelle Ungarische Post im Circus Probst. Dabei werden von einem/r stehenden Reiter/in Pferde an langen Zügeln gehalten.
Freilich: Manches, was es mal gab, wäre heute anachronistisch. Ich denke etwa an Eisbären im engen Zirkuswagen, an einzeln gehaltene Flusspferde oder an Tiere in menschlichen Kostümen. Doch wo sind die Reitertruppen, die großen Pferdekarussells, die kopfstarken Züge edler Dressurhengste? Wo gibt es gar noch Raubtiere, ein Exotentableau, vielleicht auch mal Elefanten? Nicht nur eingefleischte Zirkusfans mögen sich solche Fragen stellen. (Mit Dressurpferden haben sich ja interessanterweise Shows wie Apassionata parallel zum Zirkus etabliert.)
Umbruch in Deutschland in den Corona-Jahren
Es war um die Zeit der Corona-Pandemie (2020-2022), als auch in Deutschland - später als in vielen anderen Ländern - ein Umbruch in der Ausrichtung reisender Zirkusse kam. Ohne dass ein neues Bundesgesetz zum Verbot von Tierarten verabschiedet worden wäre, verzichteten viele Zirkusse wie auf ein Signal hin auf einen Großteil ihrer Tiere. Vorangegangen waren Jahre und Jahrzehnte mit Kampagnen gegen Tierzirkusse, angetrieben von Tierrechtsgruppen, dann zusehends übernommen von Parlamenten, Stadträten und vom Mainstream öffentlicher Medien. Diese mächtige Lobby tritt weiter gegen klassische Zirkusse auf. In Deutschland ist dadurch ein Flickenteppich entstanden: Auf manchen Plätzen dürfen traditionelle Tierzirkusse spielen, auf anderen sind sie unerwünscht. Sogar Pferde - Markenzeichen des klassischen Zirkus! - werden durch politischen Druck immer seltener.
Lancierter Anti-Trend durch Zirkusgegner (FAZ 2015: "Vernichtungskampagne")
Am 2. Oktober 2015 konstatierte ein Kommentator in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ): „Auch [der Circus Roncalli] leidet unter der Vernichtungskampagne, die schlagkräftige Spendensammelorganisationen unter dem Vorwand des Tierschutzes seit Jahren betreiben.
Roncalli lässt zwar keine Wildtiere, sondern nur Pferde und Hunde auftreten [damals noch!, Anm. d. Red.]. Aber schon deswegen muss das Unternehmen sich gegenüber Politikern
rechtfertigen, die sich den Erpressungen der Anti-Zirkus-Lobby beugen, weil sie meinen, diese verkörpere eine Volksstimmung. Und in der Öffentlichkeit wird ohnehin nicht unterschieden, ob ein
Zirkus Wildtiere vorführt oder nicht. Alle verfallen dem Verdikt ‚Tierquäler‘.“ Weiter hieß es noch: „Das
Volk, wenn es denn noch in den Zirkus geht, ist aber begeistert vom Flair des Zirkus und dem Können der Artisten“. Bis heute erlebe ich Zirkusse mit großem Applaus für Tiernummern. Da wird
in den Medien teils ein völlig falsches Bild erzeugt- auch wenn natürlich die Geschmäcker differenzierter geworden sind und nicht wenige
Leute Tierzirkus ablehnen. Aber deshalb gibt es ja verschiedene Zirkusformen, die alle ihre Berechtigung haben.
Der gesteuerte "Trend" gegen den Tierzirkus verschärfte sich in den 2000er Jahren. Finanzkräftige Tierrechtsorganisationen (bedeutendste internationale Gruppe: PETA) und Veganerverbände, zunehmend auch angestammte Tierschutzvereine machten flächendeckend gegen Zirkusse mobil. Während um 2010 in Zeitungsumfragen noch eine deutliche Mehrheit der Befragten für Zirkus mit Tieren war, wurden mit der Zeit immer größere Teile der Bevölkerung skeptisch. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender beteiligten sich an den Kampagnen, indem sie Zirkusshows einstellten oder Tiernummern ausblendeten, darunter Hauptpreisträger beim Circusfestival in Monte Carlo. Das Fernsehpublikum - ob für oder gegen Zirkustiere - erfuhr nicht mal mehr, dass solche Nummern existieren. Es entstand der falsche Eindruck, eine Mehrheit wolle keine Tiernummern mehr sehen.
Bilder oben - 1: Reiten für Kinder in der Pause oder nach der Vorstellung wird seit je her gern angenommen, wie hier im Circus Berolina. - 2: Traditionelle Zirkusse wie Berolina setzen aufgrund der politischen Kampagnen gegen Tierzirkusse auf starke Pferde- und Reiter-Darbietungen. Aber auch Nummern wie die Raubtiere im Circus Krone (3) bekommen viel Applaus.
Bilder - 1 +2: Für Auslauf der Tiere müssen gute Zirkusplätze zur Verfügung stehen, wie hier im dänischen Sönderborg beim Cirkus Arena für Elefanten und Pferde der Familie Casselly. - 3: Täglicher Umgang mit Menschen: Kamele im früheren Circus Barum. - 4: Fellpflege bei einem Pferd im früheren ostdeutschen Zirkus Probst.
Aktionen der Zirkusgegner
Als noch mehr Tierarten in Zirkussen reisten, veranstalteten Tierrechtler Demonstrationen vor den Kassen, was vor manchen Zirkussen weiterhin vorkommt. Die Aktivisten verteilen zirkuskritische Flyer, um Besucher vom Kauf der Eintrittskarten abzuhalten. Mit Transparenten und Geschrei wollen sie auf angeblich horrende Missstände in der Behandlung der Tiere aufmerksam machen. Selbst in Schulen haben Tierrechtler schon Einfluss auf Kinder und Jugendliche genommen, um sie von Zirkusbesuchen abzuhalten.
Manche fanatische Zirkusgegner schrecken vor kriminellen Aktionen nicht zurück. Sie zerstören Zirkusplakate oder überkleben sie mit Anti-Slogans wie: „Wegen Depression der Tiere fällt die Vorstellung aus“. Es wurden auch schon Wohn- und Materialwagen beschädigt, und es kam zu Störaktionen während laufender Vorstellungen, indem etwa Aktivisten ins Zelt eindrangen und die Artisten lautstark irritierten. Per Lichtprojektor wurden Slogans aufs Zeltdach eines Zirkus projiziert. Auch wurden Tiere aus Stallzelten freigelassen, sodass orientierungslose Lamas den Straßenverkehr gefährdeten. In England wurde vor langer Zeit der Direktor eines angesehenen Tierzirkus von einem Auto angefahren.
Bilder: Demonstrationen von Tierrechtlern vor dem Circus Krone auf dem Hamburger Heiligengeistfeld (1+2) und vor dem Circus Probst am Schwarzenbergplatz in Hamburg-Harburg (3). Die Anti-Krone-Demo 2018 (Bild 2) setzte manchen Zirkus-besuchern zu, die von der U-Bahn (hinten links) kommend durch einen Korridor schreiender Demonstranten mussten.
Ein eindrückliches Beispiel für die Vehemenz der Zirkusgegner und die Effektivität moderner Medien war im Dezember 2025 das Vorgehen eines Web-Influencers gegen einen engagierten Artisten im Stuttgarter Weltweihnachtscircus (s. Weihnachtszirkusse). Der sog. Tierrechtler hetzte seine Follower im Netz gegen einen ukrainischen Zauberkünstler auf, der Tauben auftauchen und verschwinden ließ. Tierärzte bescheinigten dem Artisten eine tadellose Tierhaltung, aber der Influencer löste einen Massen-Shitstorm gegen den Zauberer aus, der daraufhin Hass-Mails bis hin zu Morddrohungen erhielt. Die Situation eskalierte dermaßen, dass in Stuttgart größere politische Unruhen mit Demonstrationen drohten. Die Produzenten des Weltweihnachtscircus, die eigentlich Freunde des klassischen Zirkus mit Tieren sind, nahmen daraufhin nicht nur den Zauberkünstler aus dem Programm, sondern lassen seitdem überhaupt keine Tiere mehr auftreten (bis 2025 gab es noch Pferdenummern). Der Artist, der seine Tiere liebte, trug einen seelischen Schaden davon.
Spielverbote - politische Lobby - negativer Beitrag mancher Zirkusse
In der Frage um Spielverbote klassischer Zirkusse in deutschen Städten und Kommunen kam es schon öfter zu gerichtlichen Auseinandersetzungen, die häufig im Sinne der Zirkusse entschieden wurden. Mit der juristischen Prüfung befasst sich u.a. der Berufsverband der Tierlehrer e. V. Auch zwischen der EU und der European Circus Association (ECA) gab es schon rechtliche Konflikte. Für Tierrechtler und manche Politiker sind Zirkusse willkommene Opfer, weil die Branche kaum eine Lobby hat und man öffentlichkeitswirksam gegen sie vorgehen kann.
Leider machen manche Zirkusse mit Negativschlagzeilen von sich reden. Es kam vereinzelt schon zu Skandalen um verendete oder aggressive Tiere, oder es wird über kriminelle Begebenheiten in einer Zirkusfamilie berichtet. Bettelnde Vertreter kleiner Familienzirkusse tragen ebenfalls nicht zum gesunden Image bei. Doch es ist verfehlt, so etwas pauschal auf die ganze Zirkusszene zu übertragen.
Leitlinien und Kontrollen der Tierhaltung - eigener Eindruck vor Ort
Die gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen durch Amtstierärzte werden in Zirkussen so häufig durchgeführt wie in keinem anderen Bereich! Die Tierärzte bescheinigen den meisten Zirkussen seit langem gute Tierhaltung. Die Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben oder ähnlichen Einrichtungen, die vom Landwirtschaftsministerium mit Hilfe von Experten erstellt wurden, setzen den rechtlichen Rahmen mit Mindestanforderungen. Sie wurden von manchen reisenden Zirkussen übertroffen! In großen Unternehmen konnten sich die Besucher in der Tierschau ein Bild davon machen. Als Laie erkennt man das Wohl- oder Missbefinden eines Tieres am Fell, an der Ernährung oder an seinem Verhalten. Heute gibt es kaum noch Tierschauen, die man außerhalb der Show besuchen kann - und kaum Tiere, die dort zu zeigen wären.
Auch Zirkusse mit sehr vorbildlicher Tierhaltung haben (weltweit!) einen Großteil der Tiere abgegeben - meist aufgrund des politischen Drucks bzw. wegen konkreter gesetzlicher Verbote. In Deutschland gibt es immer noch etliche Tierarten vor allem in kleineren Zirkussen. In einer Vielzahl der Unternehmen sind jedoch außer (wenigen) Pferden, Hunden oder Papageien kaum noch Tiere anzutreffen, wenn sie nicht ganz auf andere Konzepte umgestellt haben. Wo noch Tiere auftreten, bekommen sie meist viel Applaus. Es ist traurig, dass in einer Zeit der Polarisierung, in der sich Menschen gegenseitig mit Hass überschütten, auch gegen Tierlehrer vorgegangen wird, die ihre Tiere lieben! - Informationen zu Tierarten, die früher und heute in Zirkussen zu sehen waren bzw. sind, gibt es auf unseren Seiten zur Tierhaltung und Tierdressur.
Bilder - 1: Löwengehege im Circus Krone. - 2+3: Geräumige Ausläufe für verschiedene Tierarten im Zirkus Charles Knie. - 4: Ein Auslaufmodell sind einzeln gehaltene Nashörner. Der zutrauliche Bulle "Tsavo" lebt seit seiner Kindheit im Zirkus und kam vom früheren Circus Barum (Bild) zum Circus Krone. Der C. Krone engagiert sich seitdem für den Nashornschutz.
Bilder: Zwar wirken Robbenanlagen mit Felskulisse, wie hier im Tierpark Hagenbeck (1), meist ansprechender für unser Auge als die mobilen Zirkus-Bassins. Wenn diese geräumig genug sind (2+3), ist die Haltung aber vergleichbar. Sogar Jungtiere sind im Zirkus mitunter geboren worden (wie in Bild 4 im ehemaligen Circus Fliegenpilz).
Bilder: Die Löwen von Martin Lacey Jr. (1) bevorzugen phasenweise den Käfigwagen vor dem gut strukturierten Außengehege. Die Tauben im Zirkus Charles Knie (2) blieben in der Nähe ihres Transportwagens, ebenso das Äffchen im Circus Europa (3) und die freilaufenden Seelöwen der Familie Duss (4). So sehr sind Zoo- und Zirkustiere an ihre Umgebung gewöhnt.
Video: Interview zur Tierhaltung im Circus Probst (2014)
