Musik im Traditionszirkus


Ein Zirkusbesuch Anfang der 2000er Jahre. Während sich das Chapiteau mit Zuschauern füllt, klingt aus den Lautsprechern romantische Filmmusik von Charlie Chaplin, die atmosphärisch auf das Kommende einstimmt. Auf dem Podium zwischen den beiden Artisteneingängen erscheinen nach und nach Musiker in roter Livree und bringen sich mit ihren Instrumenten in Position. Am Ende füllen dreizehn Mann das relativ kleine Podest. Die Lautsprechermusik verstummt. Das Orchester stimmt die Instrumente. Vielleicht gibt es noch eine Lautsprecherdurchsage mit ein paar Regeln fürs Publikum. Dann richtet sich ein beweglicher Scheinwerfer auf das Orchester. Der Dirigent gibt den Auftakt, die Bass-Tuba begleitet im Marschrhythmus eine Klarinette. Es ertönt die Titelmelodie aus dem Fellini-Film 8 1/2 von 1963, zuerst ganz leise, dann immer kraftvoller, bis das ganze Orchester schwungvoll beteiligt ist. Am Ende, wenn die Musik ganz schnell wird, blinken überall die Lichter am Artisteneingang.   

Zwischen drei und vier Minuten dauert die stilvolle Ouvertüre: das Opening zu einem Zirkusprogramm,  in dem internationale Artisten, Tiere und Clowns sich ein Stelldichein geben. Die Show wird zu 100% mit Live-Musik begleitet. Das Orchester intoniert Melodien aus Film und Musical, aus Operette, klassischem Jazz und Pop. Zum Auftakt des zweiten Programmteils spielt man einen weiteren Klassiker: den Zirkusmarsch Cyrk von Issak Dunajewski aus dem gleichnamigen russischen Film von 1936. Zum Finale und Ausklang gibt es Melodien des deutschen Schlagerkomponisten Lotar Olias, die in den 1950er Jahren vom zirkusbegeisterten Freddy Quinn gesungen wurden. Die Lieder begleiten die aufbrechenden Zuschauer noch, als die meisten schon das Zelt verlassen haben. Ich nehme die Atmosphäre mit auf den Weg nach Hause, sie erfüllt mich mit einem seltsamen Gefühl nostalgischer Wehmut.



Bilder: Reisezirkusse mit Live-Musik sind derzeit u.a. der Circus Gebr. Barelli (1) und der Circus Probst (3). Die Kapelle im Great Christmas Circus (Carl Busch) in Frankfurt (2) ist nicht besonders groß besetzt, spielt aber umso beherzter.


Was ich hier beschreibe, ist ein Besuch im Circus Siemoneit-Barum, der 2008 seine letzte Vorstellung gab. Bis dahin war dieser Zirkus für mich der Inbegriff des mustergültigen Traditionszirkus. Ganz erheblich trug dazu die Qualität der Livemusik bei. Man konnte die Programme fast schon als ein Konzert traditioneller Zirkusmusik genießen, zu der eben auch noch hochwertige Akrobatik und Dressuren gezeigt wurden. Eine vergleichbare Musikqualität fand man bis in die 1980er Jahre in nicht wenigen deutschen Zirkussen. Ob bei Busch-Roland, Sarrasani, Carl und Giovanni Althoff: die Programmhefte aus den 70er/80er Jahren zeigen Orchester mit Größen zwischen 8 und 14 Musikern. In meiner Kindheit hatte nahezu jeder Zirkus, der nach Langenfeld (Rheinland) kam, eine Musikkapelle, auch mittelgroße Zirkusse wie Carl Busch oder Medrano.

Ein gutes Orchester ist heute fast eine Ausnahme. Die hohen Personalkosten kann oder will sich kaum ein Tourneezirkus leisten. Da investiert man lieber in Artisten oder Ausstattung. Zudem hat sich der Trend bei Showveranstaltungen stark gewandelt. Während früher Orchester allerorten üblich waren - z.B. in vielen Fernsehshows wie beim Eurovision Song Contest (früher Grand Prix de la Chanson d'Eurovision) -, legt man heute vor allem Wert auf effektvollen Verkauf und bombastische Technik. Da kommt selbst beim ESC oft nur der Gesang live. So setzen die meisten Zirkusartisten heute auf effektvolle Musik vom Tonträger. Ein Orchester müsste die Musik auf die Nummern der Artisten erst abstimmen. Wo noch Livemusik geboten wird, geht man gern dazu über, anstatt eines Orchesters eine Sängerin oder einen Einzelmusiker (etwa mit Violine) zu engagieren. Live-Gesang ist in den meisten größeren Zirkusshows gang und gäbe geworden, was früher absolut unüblich war. Wo noch ein Orchester vorhanden ist, kommt es manchmal nur bei einem kleineren Teil der Nummern zum Einsatz.



Bilder: Musiker des Circus Krone spielen beim Finale im Getümmel (1) und nach der Vorstellung im Foyer (2+3), unterstützt vom sangesfreudigen Ansager.


Nun ist Musik vom Tonträger keineswegs immer schlecht oder unpassend. Oft trifft das Gegenteil zu: Für viele Nummern wird passende Musik ausgewählt, was die Wirkung der Nummer unterstreicht oder erhöht. Im besten Fall ist ein ganzes Programm mit Musik aus der "Konserve" stimmig gestaltet. Leider gibt es für meinen Geschmack in vielen Programmen zu häufig Brüche und Wechsel im Musikstil. Rockmusik in modernen Shows wie bei Flic Flac oder im Zirkus des Horrors passt dort zwar zum Ambiente, ist aber nicht immer passend für Akrobatik & Co. Zudem hat Musik aus der Konserve manchmal den Effekt, dass eine Nummer mehr durch die Begleitmusik wirkt als durch die Darbietung selbst. Wenn etwa ein Artist Show must go on von Queen oder Caruso von Luciano Pavarotti mitbringt, ist der Eindruck der Nummer teilweise der Stimme von Freddy Mercury oder Pavarotti geschuldet - oder dem "Bombast-Sound"  der Musik. Mit einem Orchester haben dagegen alle Artisten "gleiche" Bedingungen hinsichtlich des Klangteppichs. Der Auswahl der Stücke vom Tonträger sind fast keine Grenzen gesetzt. Nicht selten wird "billige" Effektmusik aus der Sparte Dancefloor und Techno (oder Hip-Hop) gespielt, in passenden Formaten Rockmusik, aber es gibt auch gerne romantische Klänge aus Pop, Schlager, Musical und leichter Klassik. 



Bilder - 1: Der Circus Roncalli hat seit jeher ein exzellentes Orchester. -  2: Herausragend (auch an Größe) ist das Orchester im Dresdner Weihnachtscircus. - 3: Meistens sitzen die Orchester über dem Artisteneingang, wie hier im Circus Barelli.


Trotzdem: Live-Musik, egal welcher Art, erzeugt ein besonderes Flair. Freilich ist auch ein Orchester nicht immer ein Segen. Nicht in allen Zirkuskapellen sind die Instrumente gut aufeinander abgestimmt, manche spielen sogar unsauber, oder sie heizen zwischen den Nummern mit simplen Rhythmen zum Mitklatschen an. Für ein gutes Orchester bedarf es talentierter Musiker, die sich auf die Eigenart eines Zirkusprogramms einstellen. Im letzten Jahrhundert gehörten lange Zeit polnische Musiker zu den besten in reisenden Zirkussen - wie die oben beschriebene Kapelle im Circus Barum. Bis heute kommen Orchester meistens aus osteuropäischen Ländern: häufig aus der Ukraine, aus Polen, Rumänien oder Moldawien.

Ein traditionelles Zirkusorchester besteht zu einem großen Teil aus Blech- und Holzbläsern. Trompeten, Posaunen, Saxophone und Klarinetten gehören zum gängigen Repertoire, außerdem ein gutes Schlagzeug sowie in der Regel ein Klavier (oder Keyboard) und ein E-Bass (vormals Tuba oder Kontrabass). In gut ausstaffierten Orchestern kommen zusätzliche Gitarren, Violinen und/oder Akkordeons zum Einsatz. Das Xylophon ist etwas aus der Mode gekommen; es bot (und bietet) sich für klassische Galoppstücke wie Erinnerungen an Circus Renz an. Triangeln oder Glockenspiel können das Schlagwerk komplettieren. Zur Erzeugung eines künstlichen Streicherteppichs dient meist das Elektroklavier (Synthesizer), das manchmal auch die frühere Hammondorgel für entsprechende Orgeleffekte ersetzt.



Bilder - 1: Musicalclown-Trio im Karlsruher Weihnachtscircus. - 2: Clownskapelle beim Empfang zum Circusfestival von Monte-Carlo. - 3: Die Familie Huppertz im Schweriner Weihnachtscircus bildet ein Orchester in wechselnder Besetzung.


Zirkusmusik wird in einer ganz eigenen Weise arrangiert. Meist wird Musik aus allen Sparten verarbeitet: Pop, Rock, Musical, Filmmusik, Oper, Klassik, Dixie, Jazz, Tanzmusik, Schlager, Chanson, Volksmusik aus verschiedenen Ländern... Auch aktuelle Musik aus den Charts wird verwendet, wobei ältere Melodien meist bevorzugt werden. Die Stücke werden im zirkustypischen Klang umgesetzt und an das Geschehen in der Nummer angepasst. Der Schlagzeuger kommentiert stellenweise minutiös die Bewegungen der Artisten und setzt für Höhepunkte Trommelwirbel. Der Dirigent oder Bandleader hat im besten Fall seine Musiker und die Artisten in der Manege jederzeit im Blick. 

Manche Stücke "klassischer" Zirkusmusik werden allein aus der Tradition überliefert, ohne Wissen um Herkunft oder Notensätze. Als ich den ehemaligen Orchesterchef vom Circus Krone einmal nach Melodien fragte, die häufig beim Abbau des Raubtierkäfigs gespielt wurden, antwortete er achselzuckend, es handele sich um "balkanische Musik" (die vermutlich auf Zigeunerweisen zurückgeht). Für den Großteil der Stücke sind Orchesterleiter indes auf eigene oder fremde Arrangements angewiesen. Zur Eröffnung oder im Finale bieten sich nach wie vor Zirkusmärsche wie Salto mortale (aus einer TV-Serie der 1960er/70er) oder Einzug der Gladiatoren an. In den Anfängen des neuzeitlichen Zirkus gab es eine enge Verbindung von Zirkus- und Militärmusik, weil der Zirkus durch Militärreiter gegründet war. Früher erklangen deshalb auch Märsche wie Alte Kameraden, Radetzkymarsch und ähnliches mehr (bei Roncalli teils noch spielerisch eingesetzt).

In manchen Zirkussen wird eigene Musik komponiert und von Musikern umgesetzt, etwa in Formaten des Nouveau Cirque wie beim Cirque Bouffon in Deutschland oder beim Schweizer Circus Monti. Solche Musik weicht mit eigenwilligem Stil von der "traditionellen" Zirkusmusik ab, wirkt aber sehr stimmig im jeweiligen Format und enthält meist Elemente typischer Zirkusmusik. Auf ein Musical-Konzept setzen Produktionen wie die Weihnachtscircus-Varietéshow in Paderborn.



Bilder - 1: Ein Fanfarenzug der Fürsten zu Monaco eröffnet das dortige Festival - 2: Orchester im Zirkusbau von St. Petersburg vor Beginn der Vorstellung. - 3: Direktor Ralf Huppertz am Flügel in der Pause des Schweriner Weihnachtcircus.- 3: Alte Wurlitzer Orgel im Schweizer Circus Knie. 


Nur wenige größere Reisezirkusse führen heute ein Orchester mit. Ein interessanter "Sonderfall" ist das qualitätsvolle Orchester im Circus-Theater Roncalli, das fast seit den Anfängen vom inzwischen legendären Georg Pommer geleitet wird. Roncalli setzte von vornherein auf einen eigenen Stil. Traditionelle Stücke wie die oben genannten Filmmusiken von Nino Rota wurden hier in typischer "Roncalli-Manier" vertont, ergänzt um theaterhaft-poetische Musik, wie sie in anderen Zirkussen kaum erklang. Später ließ Direktor Bernhard Paul - ein Kind der 68er-Zeit - zunehmend Rock'n'Roll-Klassiker ertönen, die inzwischen durch Live-Gesang verstärkt werden. Daneben liefert die Roncalli-Band aber (modernisierte) Anklänge aus Epochen wie Barock und Renaissance sowie Ausschnitte klassischer Zirkusmärsche. Schon im Vorzelt empfangen die Musiker das Publikum. Vor den Toren spielt manchmal auch eine historische Jahrmarktsorgel.  

Hervorzuheben ist außerdem der 2024 neu erstandene Circus Gebrüder Barelli, der seitdem mit einem der größten Zirkusorchester Europas auf Tournee geht (8-12 Musiker)! Die Kapelle liefert Zirkusmusik vom Feinsten. Damit ist Barelli momentan ein Musterbeispiel. Auch der ehrwürdige Circus Krone hat ein Orchester, das typische Zirkusmusik liefert. Dies wechselt dort aber ab mit z.T. live gesungenen Dancefloor-Rhythmen, die nicht für jeden ein Ohrenschmaus sind. Dennoch kommt bei Krone echte Zirkusatmosphäre auf!


Bilder : Das Orchester des Circus Krone im Festbau in München: In der Manege vor der Show (1) und auf dem Stammplatz über dem Artisteneingang (2).


Im blühenden Geschäft der Weihnachtszirkusse hat man eine Chance auf klassische Livemusik, so etwa in Dresden, Frankfurt, Ravensburg, Ulm, Passau, Nürnberg, Karlsruhe oder - etwas jazziger - in Heilbronn und Offenburg. Auch in manchen tierlosen, modernen Shows wie dem Freiburger Circolo oder in Düsseldorf spielt qualitätsvolle Livemusik. Manche familiäre Weihnachtszirkusse wie in Schwerin (Familie Huppertz) oder in Crailsheim (Fam. Frank) bieten Musik in wechselnder Besetzung aus der eigenen Familie - fast vollständig live mit toller Atmosphäre! So lebt der Traditionszirkus mit seinen typischen Klängen zumindest punktuell weiter.

Im Traditionszirkus ist passende Livemusik aus meiner Sicht ebenso unverzichtbar wie einige Elemente im Programm. Deshalb liegen mir Programme mit Zirkusmusik (und mit guten Darbietungen!) besonders am Herzen. In diesem Sinne: Manege frei, das Spiel beginnt!