Cirque du Soleil / Zirkuskunst aus Québec (Kanada) in Europa
Montréal - auf einer Insel in den Ausläufern des St.-Lorenz-Stroms gelesen - ist die größte Stadt in der französischsprachigen Provinz Québec im Osten Kanadas. 1981 wurde dort die École Nationale de Cirque (= Nationale Zirkusschule) gegründet, die sich als Werkstatt für innovative Nummern versteht (vgl. unsere Unterseite zur Kunstform des Nouveau Cirque). Die Schule wird zu einem großen Teil aus staatlichen Geldern subventioniert. 1984 folgte die Gründung des Cirque du Soleil durch eine Gruppe ehemaliger Straßenkünstler um Guy Laliberté (geb. 1959), anfangs ebenfalls mit finanzieller Unterstützung durch die Québecer Regierung. 1999 wurde in Montréal eines der weltweit größten Zentren für moderne Zirkuskunst mit dem Namen Tohu (vom biblischen "Tohuwabohu") eröffnet. Dorthin verlegte der Cirque du Soleil im Jahr 2000 sein Hauptquartier, gefolgt von der École Nationale de Cirque 2003. Die Absolventen der Zirkusschule werden in Shows weltweit engagiert.
Der Cirque du Soleil expandierte zu einem der größten Zirkusunternehmen der Welt, übertroffen vielleicht vom russischen Staatszirkus Rosgoszirk (s. Russland). Nach finanziellen Einbußen wurde der Cirque 2015 mehrheitlich an ein Konsortium internationaler Investmentgruppen verkauft, unter der Führung des US-Risikokapitelfond TPG Capital und des chinesischen Partners Fosun Capital. G. Laliberté behielt einen Mindestanteil von 10%. Schon vor dem Verkauf, im Jahr 2011, lag der geschätzte Jahresumsatz bei 800 Mio. US-Dollar. Das Vermögen von G. Laliberté wurde 2010 vom Wirtschaftsmagazin Forbes auf 2,5 Milliarden Dollar geschätzt. Damit rangierte der Cirque-Chef damals unter den 300 reichsten Menschen der Welt. Mit einem Teil des Geldes unterstützt er soziale und Umweltprojekte. Erneut in die Krise geriet der Mammut-Zirkus in den Corona-Jahren 2020-22; die drohende Insolvenz konnte der Konzern überstehen.
2014 beanspruchte der Cirque du Soleil auf dem Tohu-Gelände in Montréal eine Fläche von 75.000 qm für seine Trainingshallen, Büros, Werkstätten, Studiotheater und Tanzstudios. Im gleichen Jahr arbeiteten dort etwa 2.000 der weltweit rund 5.000 Mitarbeiter (davon ca. 1.000 Artisten). Russische Artisten waren damals mit 30% zahlenmäßig am stärksten vertreten, etwa 10% stammten aus China. Dies dürfte sich durch den Krieg zwischen Russland und der Ukraine verändert haben. Beim Cirque spricht man rund 25 Sprachen. Jährlich werden mindestens 20 Shows produziert, die auf der ganzen Welt gezeigt werden, viele davon in Deutschland bzw. Europa.
🤸♀️= reine Akrobaten-Show (meist modern inszeniert)
🎭 = Zirkus mit Theater-Elementen (Stilrichtung des Nouveau Cirque)
🎻= Live-Verstärkung durch Einzelinstrumente
🎤 = teilweise Live-Gesang
Alizé: Soleil-Show in Berlin 🤸♀️🎭🎻🎤
Seit Herbst 2025 spielt im Theater am Potsdamer Platz in der deutschen Hauptstadt zum ersten Mal eine permanente Bühnenshow des Cirque du Soleil in Europa! Dies ist ein Grund, die Show hier zu verlinken, obwohl unsere Listen sonst keine Hallen- und Bühnenshows (außer in Zirkusbauten) enthalten. Die Produktion nennt sich Alizé, was so viel heißt wie "leichte Brise". Das Konzept des künstlerischen Direktors Fabrice Becker aus Frankreich war bei Eröffnung selbst für Soleil-Verhältnisse innovativ. Mit Unterstützung durch modernste Technik wird - eingebettet in eine märchenhafte Geschichte - eine Synthese aus Magie nouvelle (= zeitgenössischer Magie), Akrobatik und Tanz präsentiert. Traum und Wirklichkeit sollen in der Erzählung verschmelzen. Durch technische Effekte der optischen Täuschung kann man streckenweise wirklich nicht unterscheiden, ob man lebende Akrobaten oder Hologramme vor sich hat. Das Konzept passt in eine Zeit, in der immersive Show-Erlebnisse nachgefragt sind. Das geht sicher teilweise zu Lasten der Wirkung akrobatischer Leistungen. Bisher kommt die Show gut an; der Stadt Berlin traute man das Potential dafür zu. Das Musicaltheater aus dem Jahr 1999 bietet immerhin Platz für rund 1.750 Zuschauer.
Cirque du Soleil (Shows auf Tournee) 🤸♀️🎭
Der Cirque du Soleil gilt international als größte Plattform des Nouveau Cirque, wobei seine Dimensionen und die artistischen Acts sich von den meisten anderen Nouveau-Formaten unterscheiden. So werden Spitzenartisten (häufig Truppen) engagiert, die auch in klassischen Zirkussen zu Hause sind. Allen Soleil-Programmen gemeinsam sind eine theaterhafte Inszenierung mit bisweilen monumentaler Verschmelzung von Licht, Musik, Kostümen und Akrobatik. Einzelne artistische Leistungen treten hinter das Gesamtkunstwerk. Die meisten Shows erzählen eine Art Märchen mit rotem Faden. Die Hallenprogramme warten zudem mit multimedialen Effekten auf. Darüber hinaus sind Cirque-Musicals und Spezialproduktionen auf Tournee. Mindestens 20 verschiedene Shows touren auf allen Kontinenten - einige in großen Zelten, andere in Hallen und auf Bühnen. Es gibt mehrere feste Spielstätten, etwa in Las Vegas, Macao, Dubai - seit 2025 auch in Berlin (s. oben). An solchen Orten wurden für den Cirque du Soleil zum Teil eigene große Theater gebaut. Die Tourneeproduktionen des Cirque kommen im Schnitt alle 3-4 Jahre in deutsche Großstädte (abwechselnd Hallen- und Zeltshows). Für alle Shows nehmen die Zuschauer Preise auf Musical-Niveau in Kauf. Liebhaber der Kunstform schätzen den "Sonnenzirkus" als eine der besten Adressen für Zirkusartistik weltweit. - Weitere Informationen über die Kunstrichtung des Nouveau Cirque erhalten Sie auf unserer Seite zum Vergleich von Nouveau Cirque und klassischem Circus (s. Rubrik "Klassischer Zirkus").
