Tiere im Zirkus - oder was davon noch übrig ist
mit Fotos aus den Jahren 2004-2019 +++ unten mit Video aus dem Circus Probst (2014)!
„Mit dem Pferd begann [...] die Geschichte des Zirkus“, stellen Ernst Günther und Dietmar Winkler in ihrem Standardwerk zur Zirkusgeschichte fest. In der Tat ist
der neuzeitliche Zirkus 1768 aus der Vorführung von Dressur- und Reitkunststücken hervorgegangen; im 19. Jahrhundert kamen reisende Raubtiermenagerien hinzu. Tiere, zuvorderst Pferde, sind neben
Akrobaten und Clowns ein wesentliches Merkmal des Zirkus und aus einem klassischen Zirkusprogramm nicht wegzudenken. Wegen der Dressur von Pferden wurde die Manege in ihrer Rundform und mit ihrem
Sägemehlbelag überhaupt erst erfunden!
Freilich: Manches würde heute anachronistisch wirken, etwa einzeln gehaltene Nashörner und Flusspferde, oder Eisbären im engen Zirkuswagen. Doch wo sind allein die Reitertruppen, die großen Pferdekarussells, die kopfstarken Züge edler Dressurhengste? Und wo gibt es gar noch Raubtiere, Elefanten, Exotentableaus? Nicht nur eingefleischte Zirkusfreunde mögen sich solche Fragen stellen. Interessanterweise haben sich parallel Dressurshows wie Apassionata etabliert.
Umbruch in Deutschland in den Corona-Jahren
Es war um die Zeit der Corona-Pandemie (2020-2022), als auch in Deutschland - später als in vielen anderen Ländern - ein Umbruch in der Ausrichtung reisender Zirkusse kam. Ohne dass ein neues Bundesgesetz zum Verbot von Tierarten verabschiedet worden wäre, verzichteten viele Zirkusse wie auf ein Signal hin auf einen Großteil ihrer Tiere. Vorangegangen waren Jahre und Jahrzehnte mit Kampagnen gegen Tierzirkusse, angetrieben von Tierrechtsgruppen, dann zunehmend übernommen von Politikern in Parlamenten und Stadträten und vom Mainstream der öffentlichen Medien. Diese mächtige Lobby tritt nach wie vor gegen klassische Zirkusse auf. In Deutschland ist ein Flickenteppich entstanden, wo traditionelle Tierzirkusse auftreten dürfen und wo sie unerwünscht sind. Sogar Pferde - Markenzeichen des klassischen Zirkus! - werden aufgrund des politischen Drucks immer seltener.
Bild: Durch die Bewegung verwackelt, aber gerade dadurch im Temperament erkennbar: traditionelle Ungarische Post im Circus Probst. Dabei werden von einem/r stehenden Reiter/in Pferde an langen Zügeln gehalten.
Lancierter Anti-Trend durch Zirkusgegner (FAZ 2015: "Vernichtungskampagne")
Am 2. Oktober 2015 konstatierte ein Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Auch [der Circus Roncalli]
leidet unter der Vernichtungskampagne, die schlagkräftige Spendensammelorganisationen unter dem Vorwand des Tierschutzes seit Jahren betreiben. Roncalli lässt zwar keine Wildtiere, sondern nur
Pferde und Hunde auftreten [das ist schon lange vorbei, Anm. d. Red.]. Aber schon deswegen muss das Unternehmen sich gegenüber Politikern rechtfertigen, die sich den Erpressungen der
Anti-Zirkus-Lobby beugen, weil sie meinen, diese verkörpere eine Volksstimmung. Und in der Öffentlichkeit wird ohnehin nicht unterschieden, ob ein Zirkus Wildtiere vorführt oder nicht. Alle
verfallen dem Verdikt ‚Tierquäler‘.“ Weiter hieß es in dem Artikel noch: „Das Volk, wenn es denn noch in den Zirkus geht, ist aber begeistert
vom Flair des Zirkus und dem Können der Artisten“ ...und Tiere, müsste man ergänzen. Bis heute erlebe ich Zirkusse mit großem Applaus für Tiernummern. Da wird in den Medien teils ein
völlig falsches Bild erzeugt.
Der gezielt gesteuerte "Trend" gegen den Tierzirkus verschärfte sich in den 2000er Jahren. Finanzkräftige Tierrechtsorganisationen (bedeutendste internationale Gruppe: PETA) und Veganerverbände, zunehmend auch angestammte Tierschutzvereine machten flächendeckend gegen Zirkusse mobil. Während um 2010 in Zeitungsumfragen meist noch eine deutliche Mehrheit der Befragten für Zirkus mit Tieren war, wurden mit der Zeit immer größere Teile der Bevölkerung zumindest skeptisch. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender beteiligten sich an den Kampagnen, indem sie Zirkusshows einstellten oder Tiernummern darin ausblendeten, darunter Hauptpreisträger beim Circusfestival in Monte Carlo. Das Fernsehpublikum - ob für oder gegen Zirkustiere - erfuhr nicht mal, dass solche Nummern aufgeführt wurden. Es entstand der falsche Eindruck, eine Mehrheit wolle keine Tiernummern mehr sehen. Heute kann man jedoch nicht alles auf solche Kampagnen schieben. Die Geschmäcker sind viel differenzierter geworden. Nicht wenige Leute lehnen Tiere im Zirkus ab. Hier teilen sich die Lager im Publikum, weshalb verschiedene Zirkusformen ihre Berechtigung haben.
Bilder oben - 1: Reiten für Kinder in der Pause oder nach der Vorstellung wird seit je her gern angenommen, wie hier im Circus Berolina. - 2: Traditionelle Zirkusse wie Berolina setzen aufgrund der politischen Kampagnen gegen Tierzirkusse auf starke Pferde- und Reiter-Darbietungen. Aber auch Nummern wie die Raubtiere im Circus Krone (3) bekommen viel Applaus.
Bilder - 1 +2: Für Auslauf der Tiere müssen gute Zirkusplätze zur Verfügung stehen, wie hier im dänischen Sönderborg beim Cirkus Arena für Elefanten und Pferde der Familie Casselly. - 3: Täglicher Umgang mit Menschen: Kamele im früheren Circus Barum. - 4: Fellpflege bei einem Pferd im früheren ostdeutschen Zirkus Probst.
Aktionen der Zirkusgegner
Als mehr Tierarten in Zirkussen reisten, veranstalteten Tierrechtler Demonstrationen vor den Kassen, was vor manchen Zirkussen weiterhin vorkommt. Die Aktivisten verteilen zirkuskritische Flyer, um Besucher vom Kauf der Eintrittskarten abzuhalten. Mit Transparenten, Geschrei und Megaphon-Durchsagen wollen sie auf angeblich horrende Missstände in der Tierhaltung aufmerksam machen. Selbst in Schulen haben Tierrechtler schon Einfluss auf Kinder und Jugendliche genommen, um sie von Zirkusbesuchen abzuhalten.
Manche fanatische Zirkusgegner schrecken vor kriminellen Aktionen nicht zurück. Sie zerstören Plakate von Wanderzirkussen oder überkleben sie mit Anti-Slogans wie: „Wegen Depression der Tiere fällt die Vorstellung aus“. Wohn- und Materialwagen wurden schon beschädigt. Es kam zu Störaktionen während laufender Vorstellungen, z.B. indem Aktivisten lautstark ins Zelt eindrangen und Artisten irritierten. Per Lichtprojektor wurden Slogans aufs Zeltdach eines Zirkus projiziert. Auch wurden Tiere aus Stallzelten freigelassen, sodass orientierungslose Lamas den Straßenverkehr gefährdeten. In England wurde vor langer Zeit der Direktor eines angesehenen Tierzirkus von einem Auto angefahren.
Bilder: Demonstrationen von Tierrechtlern vor dem Circus Krone auf dem Hamburger Heiligengeistfeld (1+2) und vor dem Circus Probst am Schwarzenbergplatz in Hamburg-Harburg (3). Die Anti-Krone-Demo 2018 (Bild 2) setzte manchen Zirkus-besuchern zu, die von der U-Bahn (hinten links) kommend durch einen Korridor schreiender Demonstranten mussten.
Flächendeckende Tierverbote in Europa - Haustiere auch in Zukunft?
In Deutschland ist bislang entscheidend, wie die Stadträte und Platzvermieter zu Gastspielen traditioneller Tierzirkusse stehen. Etliche deutsche Städte verbieten Auftritte bestimmter Tierarten oder ganzer Zirkusse. Meist geht die Initiative von Lokalpolitikern aus, aber auch Bürgerinitiativen wenden sich an Ämter, um Tierzirkusse zu verhindern. Es kam schon öfter zu gerichtlichen Auseinandersetzungen, die häufig im Sinne der Zirkusse entschieden wurden. Mit der juristischen Prüfung befasst sich u.a. der Berufsverband der Tierlehrer e. V. Auch zwischen der EU und der European Circus Association (ECA) gab es rechtliche Auseinandersetzungen.
Negativer Beitrag mancher Zirkusse
Für die Tierrechtler und manche Politiker sind Zirkusse willkommene Opfer, weil die Branche kaum eine Lobby hat und man öffentlichkeitswirksam gegen sie vorgehen
kann. Leider machen auch manche Zirkusse mit Negativschlagzeilen von sich reden. Manchmal kommt es zu Skandalen um verendete oder aggressive Tiere, oder es wird über kriminelle Begebenheiten
einer Zirkusfamilie berichtet. Auch bettelnde Vertreter kleiner Familienzirkusse tragen nicht zum gesunden Image der Branche bei. Doch es ist verfehlt, solche Vorkommnisse pauschal auf die
ganze Zirkusszene zu übertragen.
Leitlinien und Kontrollen der Zirkustierhaltung
Die gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen der Tierzirkusse durch Amtstierärzte in den Gastspielorten (die im Zirkus so häufig durchgeführt werden wie in kaum einem anderen Bereich!) bescheinigen deutschen Zirkussen seit langem gute Tierhaltung. In großen Unternehmen konnten sich die Besucher stets in der Tierschau ein Bild davon machen. Als Laie erkennt man das Wohl- oder Missbefinden eines Tieres etwa am Fell, der Ernährung oder an seinem Verhalten. Die Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben oder ähnlichen Einrichtungen, die vom Agrarministerium mit Hilfe von Experten erstellt wurden, setzen den rechtlichen Rahmen mit Mindestanforderungen für die Tierhaltung. Sie wurden von manchen reisenden Zirkussen übertroffen! Doch auch die vorbildlichen Zirkusse gaben einen Großteil ihrer Tiere ab - meist aufgrund des politischen Drucks.
Tierhaltung im Zirkus
Außer (wenigen) Pferden, Hunden, Papageien
und ein paar Kamelen sind kaum noch Tiere in Zirkussen anzutreffen. Falls noch Raubtiere auftreten, stehen ihnen zusätzlich zum Käfigwagen kleine Freigehege zur Verfügung. Für Huftiere werden
sogenannte Paddocks (umzäunter Auslauf) bereitgestellt; sie können sich frei zwischen Stallzelt und Außenbereich bewegen. Zoologische Gärten bekommen viel Zuwendung durch öffentliche
Gelder und können als stationäre Betriebe aufgrund des vorhandenen Platzes wahre Miniatur-Landschaften für Tiere einrichten. Das ist einem Zirkus natürlich nicht möglich. Den Zirkussen stehen
immer weniger geeignete Plätze zur Verfügung. Der Aufwand, den große Zirkusse schon für Tierhaltung betrieben haben, ist angesichts dessen beachtlich.
Bilder - 1: Löwengehege im Circus Krone. - 2+3: Geräumige Ausläufe für verschiedene Tierarten im Zirkus Charles Knie. - 4: Ein Auslaufmodell sind einzeln gehaltene Nashörner. Der zutrauliche Bulle "Tsavo" lebt seit seiner Kindheit im Zirkus und kam vom früheren Circus Barum (Bild) zum Circus Krone. Der C. Krone engagiert sich seitdem für den Nashornschutz.
Lebensraum Zirkus (und Zoo)
In menschlichem Gewahrsam müssen Tiere nicht nach Futter suchen. Fressfeinde und Witterungen, denen sie in freier Wildbahn schutzlos ausgeliefert sind, stellen in Zoos, Zirkussen und Safariparks keine Bedrohung dar. Krankheiten werden ärztlich behandelt. Daraus resultiert eine höhere Lebenserwartung bei Zoo- und Zirkustieren im Vergleich zu Wildtieren. Insofern wirken sich die Lebensumstände, die vielleicht im natürlichen Sinne „nicht artgerecht“ sind, zumindest nicht negativ aus. Sie schaffen eine Art Ausgleich zu dem (vom Tier kaum erahnten) Verzicht auf das natürliche Biotop. In „Gefangenschaft“ kann man nie das Ursprungsbiotop eines Tieres 1:1 imitieren. Entscheidend für „artgerechte“ Haltung ist das Angebot, das ich dem Tier ersatzweise zur Verfügung stelle. Ausschlaggebend sind die arttypischen Bedürfnisse. Ein Tier unterscheidet kaum, ob die Begrenzung des Reviers aus einem Wassergraben oder einem Metallgitter besteht; letzteres ist bei Affen und Papageien sogar sinnvoll. Ob ein Wasserbassin von Felsblöcken umrahmt ist oder aus einer quadratischen Vertiefung im Boden des Zirkuswagens besteht, dürfte einen Tiger beim Baden kaum stören. Entscheidend ist das Vorhandensein solcher Reize.
Bilder: Zwar wirken Robbenanlagen mit Felskulisse, wie hier im Tierpark Hagenbeck (1), meist ansprechender für unser Auge als die mobilen Zirkus-Bassins. Wenn diese geräumig genug sind (2+3), ist die Haltung aber vergleichbar. Sogar Jungtiere sind im Zirkus mitunter geboren worden (wie in Bild 4 im ehemaligen Circus Fliegenpilz).
Der Käfig / das Gehege wird vom Tier als Habitat (= Lebensraum) betrachtet. Immer wieder gibt es Berichte über entlaufene Zirkustiere, die freiwillig in den Stall oder Transportwagen zurückkehrten. Ich selbst habe schon freilaufende Tiere auf dem Zirkusgelände beobachtet, die sich nie weit von ihrem Wagen entfernten (s. auch Bilder auf dieser Seite). Die heute in Zirkussen lebenden Tiere stammen wie die meisten Zootiere aus Nachzuchten in Menschenhand. Sie sind von klein auf an den Menschen gewöhnt und könnten in der Natur nicht überleben, weil die dafür notwendigen Instinkte bei ihnen nicht ausgebildet sind. Viele Arten wie Kamele oder Rinder sind in ihren Herkunftsländern seit Jahrhunderten domestiziert und sollten als Haustiere gelten. Selbst Indische Elefanten werden in ihrer Heimat als Nutztiere eingesetzt.
Bilder: Die Löwen von Martin Lacey Jr. (1) bevorzugen phasenweise den Käfigwagen vor dem gut strukturierten Außengehege. Die Tauben im Zirkus Charles Knie (2) blieben in der Nähe ihres Transportwagens, ebenso das Äffchen im Circus Europa (3) und die freilaufenden Seelöwen der Familie Duss (4). So sehr sind Zoo- und Zirkustiere an ihre Umgebung gewöhnt.
Artgenossen und Menschen als Sozialpartner
Grundsätzlich sollten Tiere nicht einzeln gehalten werden, sondern in Gruppen, die den Sozialverbänden in freier Wildbahn entsprechen. Einige Großsäuger wie Nashörner oder Elefantenbullen können bzw. müssen vorübergehend einzeln gehalten werden, weil sie auch in der Natur phasenweise als Einzelgänger leben und andernfalls aggressiv würden. Die Zoos haben sich in modernen Anlagen auf die Haltung von Zuchtgruppen spezialisiert. Im Zirkus ist die Zucht bestimmter Arten unmöglich. Deshalb macht die Konzentration auf bestimmte Tierarten Sinn. Vergleichen Sie hierzu unsere Seite: "Haltung von Tierarten" (Menü links).
Zu den Artgenossen tritt im Zirkus der Mensch als Sozialpartner. Dresseure, Tierpfleger und Stallburschen kümmern sich täglich um ihre Schützlinge. Durch die Dressur und den Ortswechsel erfahren Zirkustiere eine willkommene Abwechslung. Diesen Vorteil haben Zootiere nicht ohne weiteres. Die Tiergärten entwickeln aus diesem Grund kreative Möglichkeiten der Beschäftigungstherapie und setzen ihrerseits teilweise auf Dressuren. Das tägliche Training bietet den Tieren Beschäftigung und körperliche Anreize. Die Transporte der Zirkustiere zwischen den Gastspielorten sollten indes möglichst kurz gehalten werden.
Der wissenschaftlich-pädagogische Aspekt
Nicht zuletzt stellt der wissenschaftliche und pädagogische Aspekt der Tierhaltung einen wichtigen Auftrag dar, letzterer auch für Zirkusse. Der Kontakt mit Tieren sensibilisiert für ihre Erhaltung in freier Wildbahn. Nicht nur prominente Tierschützer früherer Generationen (Bernhard Grzimek oder Heinz Sielmann), auch etliche heutige Experten sehen die Haltung von Tieren in Menschenobhut nicht im Widerspruch zum Artenschutz. Manche Tierarten, die in der Natur vom Aussterben bedroht sind, bleiben nur durch Zuchten in Menschenhand erhalten. Vielleicht werden wir einige Tierarten in Zukunft höchstens noch in Zoos oder Zirkussen bewundern können.
Video: Interview zur Tierhaltung im Circus Probst (2014)
