Ausgewählte Reise- und Festbau-Zirkusse in Osteuropa

In dieser Liste haben wir eine Auswahl von Zirkussen in Osteuropa verlinkt, die nach unserer Einschätzung sehenswert sind. Die Länder sind alphabetisch geordnet; die darunter verlinkten Zirkusse sind ebenfalls streng alphabetisch aufgelistet. Auf die Webseiten gelangt man durch Klick auf die Namen in roter Schrift.

🐎 = klassisches Programm, zu dem (meist wenige) Tiernummern gehören

🐈‍⬛ = einzelne Kleintiernummern, sonst nur Akrobatik 

🤸‍♀️= reine Akrobaten-Show (meist modern inszeniert)

🎺= Live-Musik eher traditionell: Big-Band-Stil (Orchester) oder Einzelmusiker

🎸= Live-Musik rockig    🥁 = Schlagzeugeffekte live    🎧 = DJ sorgt für Musik

🎤 = teilweise Live-Gesang (je nach Show: Musical; Jazz; Pop; Schlager; Opernstimme)


Bulgarien


Zur aktuellen Zirkuslandschaft in Bulgarien liegen uns unzureichende Informationen vor. Bulgarische Artisten treten immer wieder in verschiedenen Zirkussen Europas auf. In der Ära des Sozialismus im letzten Jahrhundert gab es auch in Bulgarien einen Staatszirkus.


Circus Balkanski  (Цирк Балкански)  🤸‍♀️🎧

Der Zirkus der Familie Alexander Balkanski wurde im Jahr 2000 gegründet, die Tradition der Artistenfamilie reicht aber bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. In den 1970er-90er Jahren arbeiteten die Balkanskis als Schleuderbrettgruppe, darunter 14 Jahre beim deutschen Circus Krone. Diese Truppe holte Preise bei Zirkusfestivals und stellte einige Rekorde in dieser Disziplin auf. Der heutige Zirkus hat den Stellenwert eines bulgarischen Nationalcircus, wobei die Programme mit Akrobaten und Clowns von der Anzahl der Nummern überschaubar sind. Neben Kräften aus der eigenen Familie tritt eine Reihe internationaler Artisten auf. - Die Navigation der Webseite läuft nicht auf jedem Browser rund.


Polen


Das östliche Nachbarland hat in den letzten Jahrzehnten nur wenige relevante Zirkusse aufzuweisen. Auch die Zahl polnischer Artisten in europäischen Zirkussen hat gegenüber des späten 20. Jahrhunderts offenbar nachgelassen. In der ganzen zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts stellten polnische Musiker die meisten qualitätsvollen Zirkusorchester in Deutschland und anderen Ländern und lösten damit die tschechischen Böhmen ab, die diese Rolle zuvor innehatten. Seit etwa zwei Jahrzehnten hat sich das wiederum geändert zugunsten von Musikern und Orchestern aus der Ukraine (sowie teilweise aus anderen Ländern).


Cyrk Korona  🤸‍♀️

Cyrk Zalewski  🤸‍♀️     evtl. keine Tournee mehr!

Die beiden größten Reisezirkusse Polens - beide in der European Circus Association (ECA) - wurden im Jahr 1993 von zwei Nowotna-Schwestern aus der Zirkusfamilie Nowotny gegründet: der Cyrk Korona von Lidia Król-Pinder, der Cyrk Zalewski von Ewa Zalewska. Die Nachnamen kommen jeweils von den Ehemännern; der Name Pinder stammt aus einer alten britischen Zirkusfamilie, die in mehreren europäischen Ländern vertreten ist. Korona und Zalewski veranstalten zu bestimmten Terminen "Zirkusfestivals" in der Hauptstadt Warschau, mit aufgestocktem internationalem Programm. Während der Cyrk Korona noch regulär auf Tournee ist, wirbt Zalewski seit längerem ausschließlich mit dem Festival. Im Zuge der Corona-Krisenzeit haben beide Zirkusse ihre Tiernummern eingestellt. - Im polnischen Lublin hat außerdem der ukrainische Zirkus Waterland (< Link) seinen Firmensitz, der wegen des Ukraine-Krieges aus seinem Heimatland ausgewichen ist und seit Jahren in Deutschland reist (s. Liste der deutschen Reisezirkusse A).


Rumänien


In Rumänien ist die Zirkuslandschaft ein wenig ähnlich wie in Ungarn (s. unten). In der Hauptstadt Bukarest gibt es aus der Zeit des Sozialismus (1960) ein Zirkusgebäude. Daneben touren ein paar größere Zeltzirkusse, die im Sommer unter Touristen an der Schwarzmeerküste um Besucher buhlen, ähnlich den ungarischen Zirkussen am Plattensee. Die Auflagen zu Zirkustieren sind in Rumänien seit Ende der 2010er Jahre relativ streng, sodass höchstens ein paar Pferde oder Kleintiere zu sehen sind.


Circo Bellucci  🤸‍♀️  

Der Circus Bellucci unter der Leitung von Sonny Medini ist ein italienischer Zirkus, der seit etlichen Jahren in Rumänien reist. Der Direktor ist vielen Rumänen durch sein Mitwirken in TV-Sendungen bekannt. Die Programme werden jedes Jahr unter einem bestimmten Motto inszeniert. Die Show mit Akrobaten und Komikern wird von einem leistungsstarken Ensemble internationaler Artisten bestritten. Indes ist die Webseite nur eine Rubrik auf einer allgemeinen Veranstaltungsseite und bietet eher dürftige Informationen. 


Circul Espinol  🤸‍♀️🐈‍⬛🥁

Der Circul Espinol wurde erst 2022 von Monica & Adrian Oncea gegründet. Der Direktor war zuvor als Motorradfahrer in der Stahlkugel in europäischen Zirkussen unterwegs. Gezeigt wird ein ansprechendes Programm mit internationalen Artisten, das durch ein kleines Ballett verstärkt wird.


Circul Metropolitan București  🤸‍♀️🐎      Zirkusbau, Bukarest

Der Zirkusbau in Bukarest wurde 1960 in der sozialistischen Ära Rumäniens eröffnet. Er steht in einem zentral gelegenen Park und ist mit seinem muschelartigen Dach ein Baudenkmal seiner Zeit. In dem Gebäude finden neben Zirkusvorstellungen diverse andere Kulturveranstaltungen statt (ähnlich wie im Circus Bouglione in Paris und im Circus Krone in München). Die Webseite ist aus meiner Sicht etwas unübersichtlich. Der Zirkus scheint noch in staatlicher Hand zu sein, da in Zirkuskreisen auch vom "Rumänischen Staatscircus" die Rede ist. Im Vergleich zum Festbau-Zirkus in Budapest (s. Ungarn) dürften die Programme hier weniger anspruchsvoll sein. Für Hinweise sind wir jederzeit dankbar.


Circul Orlando  🐎

Der Circul Orlando von Orlando & Octavian Oprescu (Junior & Senior) besteht seit 2009 und wirbt auch als Rumänischer Nationalcircus. Vor den Tierverboten in Rumänien war der klassische Zirkus mit etlichen Tieren auf Tour; heute sind noch Dressuren mit Ponys oder Pferden dabei. Das internationale Artistenensemble ist überschaubar, bietet aber eine ansprechende Mischung typischer Zirkusnummern.


Tschechien und Slowakei


Auch in Tschechien (und der Slowakei) geht die Zirkuskunst heute unterschiedliche Wege. Besonders stark ist die Tradition im tschechischen Landstrich Böhmen,  wo um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert die renommierten Marionetten-Puppenspieler begannen, Akrobatik und Tierdressuren in ihre Wandertheater aufzunehmen. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts stach die tschechische Familie Kludský mit einem Großzirkus von gigantischem Ausmaß hervor. Etwa zur selben Zeit stellten böhmische Musiker qualitätsvolle Orchester in deutschen und anderen europäischen Zirkussen. In der Ära des Sozialismus gehörte der Staatszirkus zum kulturellen Repertoire der damaligen Tschechoslowakei. Bis Ende der 2010er Jahre gehörten Nummern mit Braunbären zum Standardrepertoire in tschechischen Zirkussen; erst danach liefen die Bärennummern fast überall aus. Als klassische Zirkusfamilie führt heute im Grunde nur noch die Familie Navrátil größere Zirkusse. Es gibt in Tschechien aber auch moderne Zirkusformen, ähnlich dem Nouveau Cirque, jedoch mit eigener Note. In diese Formate wird teilweise Puppenspiel integriert, wie in den Produktionen von La Putkya (< Link), die mit verschiedenen Shows in Hallen und im Zelt spielen.


Cirkus Bob Navarro King  🐎

Der Cirkus Bob Navarro King der Familie Bohumil Navrátil ist 2011 sozusagen aus einer Abspaltung vom größeren Cirkus Humberto (s. unten) entstanden, der vom Bruder Hynek Navrátil geführt wird.  Bob Navarro King (kurz auch: Cirkus King) zeigt in recht rustikaler Ausstattung traditionellen Zirkus wie eh und je. Das Programm mit abwechslungsreichen Nummern wird fast ausschließlich von der talentierten Familie bestritten, nur wenige Artisten werden hinzuengagiert. Unter den hauseigenen Tieren befindet sich eine Löwengruppe. Hier erlebt man familiären klassischen Zirkus, der aufgrund des handwerklichen Könnens der Akteure einen Besuch wert ist.


Cirkus Humberto  🐎

Der Cirkus Humberto der Familie Hynek Navrátil - Zweig einer bekannten Zirkusfamilie - ist der größte und schönste Reisezirkus Tschechiens, seit der Original Cirkus Berousek von Jiří Berousek 2019 den Reisebetrieb eingestellt hat. Der für Zirkusfreunde klangvolle Name Humberto bezeichnete zu Zeiten des Sozialismus im 20. Jahrhundert einen Teil des tschechischen Staatscircus, der 1951 ins Leben gerufen wurde und auch in anderen sozialistischen Ländern reiste sowie einzelne Gastspiele im Westen gab. 1993 ging der Zirkus in den privaten Besitz der Brüder Bohumil und Hynek Navrátilovi, von denen Ersterer heute den Cirkus Bob Navarro King (s. oben) führt. Der Cirkus Humberto reist mit komfortablem Chapiteau und sehenswertem Programm. Die vielseitig begabte Familie Navrátil sowie weitere Artisten aus Tschechien und anderen Ländern zeigen klassischen Zirkus wie zu den Glanzzeiten: mit Akrobatik, Tieren und Clowns auf recht hohem Niveau. Zu den Tieren gehören u.a. Elefanten und eine der größten Raubtiergruppen Europas. Unterstützt von einem kleinen Ballett, wird hier (meines Wissens ohne Livemusik) traditioneller Zirkus gefeiert, wobei Teile der Show modern inszeniert sind und mit wechselnden Stilen zu rechnen ist. Zuletzt reiste der Cirkus Humberto meist in der Slowakei. - 1941 gab der tschechische Schriftsteller Eduard Bass einen Roman mit dem Titel Cirkus Humberto heraus. Der Roman war wohl durch ältere Zirkusse mit dem Namen inspiriert. Er wurde 1988 als 12-teilige TV-Serie aufwendig verfilmt und lief auch im deutschen Fernsehen. In Deutschland reist noch ein Circus Humberto der Familie Ortmann.


Ungarn


In Ungarn genießt die Zirkuskunst seit langem einen hohen Stellenwert und wird als Kulturgut geschätzt. In der Hauptstadt Budapest mit dem großen Festbau-Zirkus und einer renommierten Artistenschule werden etliche moderne Programme geboten, die teilweise andere Künste wie Schauspiel, Tanz, Eiskunstlauf oder Puppenspiel integrieren. Daneben gibt es reisende Zirkusse mit klassischem Konzept, die viele Besucher anziehen. Im Sommer buhlen sie mit längeren Gastspielen am Balaton (Plattensee) um Urlaubstouristen. Wir bedauern, dass die beiden größten Zirkusse der Familie Richter nicht mehr als ein Unternehmen reisen; zusammen würden sie eine beachtliche Truppe in Reitkünsten stellen. - Die Reiterakrobatik hat in Ungarn eine lange Tradition. Sie geht auf Pferdehirten (Csikós) der ungarischen Steppe (Puszta) zurück. Manche Reitdisziplinen im Zirkus wie die Ungarische Post sind nach dem Volk der Ungarn (Magyaren) benannt. Die Csikós- oder Jockey-Reiterei (nicht zu verwechseln mit Jockeys im Rennpferdesport!) bezeichnet waghalsige Akrobatik auf dem Rücken trabender (Kaltblut-)Pferde. Sie gehört neben der an galoppierenden Warmblütern gezeigten Dschigiten- oder Kosakenreiterei (aus Russland und Mittelasien) zu den eindrucksvollsten Reitkünsten. Beide Formen der Reiterei sind in Zirkussen sehr selten geworden, was u.a. der politischen Agitation gegen Tiernummern in Zirkussen geschuldet ist. Die Entwicklung des ungarischen Zirkus aus der Reitkunst entspricht den Ursprüngen des Neuzeit-Zirkus in Westeuropa, der dort aber aus Militärreiterkreisen hervorgegangen war.


Fövárosi Nagycirkusz  (= Großer Hauptstadtcircus) 🤸‍♀️🐎      Budapest

Der Zirkusbau in Budapest wirbt in seinem Logo mit einer Tradition seit 1889. Das heutige Gebäude - in einem großen Freizeitpark relativ zentral gelegen - wurde 1971 anstelle eines älteren Baus eröffnet. Äußerlich trägt das Gebäude den wenig ästhetischen Charme aus der Zeit des Sozialismus, es ist aber so gesehen ein wichtiges Baudenkmal und atmet laut Insidern einen Glanz vergangener Zeiten. Die technische Ausstattung ist voll auf der Höhe der Zeit. Hier werden Zirkusshows von sehr unterschiedlichem Charakter geboten, von "Circus unter Wasser" über Eisshows bis hin zu Märchenerzählungen mit Schauspiel, Tanz und Puppenspiel, aber auch ziemlich klassisch gehaltene, zum Teil sehr stark besetzte Programme. So wechseln sich über ein Jahr verschiedene Produktionen ab. Alle zwei Jahre wird hier im Januar auch das Internationale Circusfestival von Budapest ausgretragen (s. Liste mit Festivals), das nach Monte-Carlo zu den ältesten und größten Zirkuspreis-Wettbewerben der Welt gehört. Informationen dazu finden sich ebenfalls auf der hier verlinkten Webseite.

Festbau Budapest 2017


Magyar Nemzeti Cirkusz  (= Ungarischer Nationalcircus)  🐎🎺

Der Zirkus, der als Ungarns Nationalcircus firmiert, wird von der international bekannten und staatlicherseits hochgeschätzten Familie József Richter geführt, die in verschiedenen Generationen mehrfach Höchstpreise beim Circusfestival von Monte-Carlo gewann, vor allem für ihre hochwertigen Pferde- und Reitdarbietungen. Den Ungarischen Nationalcircus gründeten József und Carola Richter (geb. Renz) 1995. Man bietet klassischen Circus, der in der Vergangenheit den Traditionszirkus östlichen Typus' wie aus dem Bilderbuch repräsentierte. Nach wie vor spielt hier ein wenn auch kleines, so doch gutes Orchester - inzwischen eine Ausnahme in den ungarischen Reisezirkussen. Zum Teil werden auch noch Traditionsnummern in Trachtenkostümen gepflegt, doch haben moderne Trends wie Motorrad-Stunts u.a. längst Einzug erhalten. Zu den Familiennummern gehört als Höhepunkt die einst weltbekannte Jockey- oder Csikós-Reitertruppe unter der Leitung von József Richter Jr. Es ist bedauerlich, dass Bruder Flórian sich mit einem eigenen Zirkus selbständig gemacht hat (s. unten); zusammen könnte man eine viel stärkere Truppe bilden. Zur vielseitig begabten Familie werden international bekannte Artisten hinzuengagiert. Die klassischen Programme zeigen immer noch einen recht hohen Anteil an Tieren, die aber auch hier merklich reduziert wurden. Der Nationalzirkus Richter spielt im Juli/August am Plattensee (Balaton), wo die Richters einen Zirkusplatz besitzen, ebenso wie in Budapest. Ihnen gehört außerdem ein Safaripark, in dem neben verschiedenen Tieren akrobatische Kunststücke gezeigt werden. Durch die Heirat von József Richter Jr. mit der deutschen Zirkusfrau Merrylu Casselly (2017) ist eine Verquickung beider Zirkusfamilien entstanden.


Richter Flórián Cirkusz  (= Circus Florian Richter)  🐎

Die Familie Flórián Richter aus der renommierten ungarischen Zirkusfamilie hat sich 2015 vom National-Circus der Eltern und des Bruders (s. oben) gelöst und ihren eigenen Reisezirkus gegründet, der unter Leitung des versierten Pferdefachmanns Flórián Richter hochwertige Pferdedressuren - teils kombiniert mit artistischen Kunststücken - bietet und somit klassische Zirkus-Tradition am Leben hält. Der Sohn Kevin Richter hat zudem eine Akrobaten-Truppe aufgebaut, die u.a. eine Nummer am Schleuderbrett präsentiert. Zu den diversen Familiennummern werden internationale Artisten hinzuengagiert, darunter gerne auch spektakuläre Acts wie Motorrad-Stunts. Wie die übrigen ungarischen Zeltzirkusse, so spielt auch der Circus Flórián Richter im Sommer mehrere Wochen lang am Balaton (Plattensee) für die Urlauber.